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Mobile Barrierefreiheit: BFSG-Anforderungen für Apps und mobile Websites 2026

27. April 20267 Min. Lesezeit
Mobile Barrierefreiheit: Smartphone mit aktiviertem VoiceOver und BFSG-Konformitätsbadge

72% aller mobilen Nutzungswege haben Zugänglichkeitsbarrieren, die Nutzer mit Behinderungen ausschließen oder stark einschränken. Das BFSG gilt seit dem 28. Juni 2025 explizit auch für native Apps (iOS und Android), nicht nur für mobile Websites. Und anders als bei manchen anderen digitalen Diensten gibt es bei Apps keine Übergangsfrist.

Keine Übergangsfrist für Apps

Apps, die nach dem 28. Juni 2025 veröffentlicht oder wesentlich aktualisiert wurden, müssen sofort WCAG 2.1 Level AA erfüllen. Es gibt keine Schonfrist wie sie für manche anderen Dienste gilt.

Was deckt das BFSG bei mobilen Diensten ab?

Das BFSG verpflichtet zur Barrierefreiheit aller "digitalen Produkte und Dienstleistungen", die nach dem 28. Juni 2025 in Deutschland an Verbraucher angeboten werden. Dazu gehören[1]:

  • Native Apps für iOS und Android
  • Mobile Websites und responsive Webdesigns
  • Progressive Web Apps (PWAs)
  • App-Store-Seiten und Download-Seiten (soweit kontrollierbar)

Der technische Standard für alle: WCAG 2.1 Level AA, umgesetzt über die europäische Norm EN 301 549.

Mobile-spezifische WCAG-Kriterien (WCAG 2.5)

Mit WCAG 2.1 wurden Kriterien speziell für mobile Geräte eingeführt. Besonders relevant:

KriteriumLevelBedeutung
2.5.1 ZeigegestenAKeine Mehrfinger-Gesten ohne Alternative
2.5.2 ZeigerabbruchATouch-Aktionen müssen abgebrochen werden können
2.5.3 Label im NamenASichtbarer Text muss im zugänglichen Namen enthalten sein
2.5.4 BewegungsaktivierungAFunktionen per Gerätebewegung müssen auch anders aufrufbar sein
2.5.7 ZiehbewegungenAAAlternative zu Drag-and-Drop anbieten
2.5.8 Zielgröße (Minimum)AAMindestens 24 × 24 CSS-Pixel für Touch-Ziele[2]

Empfohlene Mindestgröße für Touch-Ziele: 44 × 44 CSS-Pixel entsprechend den iOS- und Android-Design-Guidelines. Das entspricht etwa 9 mm auf einem typischen Smartphone-Display[3].

Die häufigsten mobilen Barrierefreiheitsprobleme

Aus mobile-spezifischen Accessibility-Audits ergeben sich diese Top-Probleme:

  1. Zu kleine Touch-Ziele: Buttons und Links unter 44 × 44 Pixel sind für Nutzer mit motorischen Einschränkungen kaum bedienbar
  2. Kein Screenreader-Support: Inhalte sind für VoiceOver (iOS) und TalkBack (Android) nicht zugänglich
  3. Fehlende Alt-Texte: Bilder ohne Beschreibung für Screenreader-Nutzer
  4. Schlechte Farbkontraste: Auf Smartphone-Displays im Freien noch kritischer als auf Desktop-Monitoren
  5. Orientierungssperre: App funktioniert nur im Hochformat, was Nutzer ausschließt, die ihr Gerät fest montiert haben
  6. Komplexe Gesten: Wischen, Pinchen oder Mehrfinger-Gesten ohne einfache Alternative
  7. Fehlende Untertitel: Videos in Apps ohne Captions
  8. Keyboard-Fallbacks: Bluetooth-Tastaturen können nicht genutzt werden

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Plattform-Screenreader: VoiceOver vs. TalkBack

iOS: VoiceOver

VoiceOver ist der in iOS integrierte Screenreader. Aktivierung: Einstellungen, Bedienungshilfen, VoiceOver.

Grundlegende VoiceOver-Gesten:

  • Ein Finger wischen: Nächstes/vorheriges Element
  • Doppeltippen: Element aktivieren
  • Drei Finger wischen: Seite scrollen
  • Rotor (zwei Finger drehen): Navigationsmodus wechseln

Ihre App muss alle Funktionen über VoiceOver bedienbar machen. Das erfordert korrekte Accessibility-Labels für alle UI-Elemente.

Android: TalkBack

TalkBack ist Googles Screenreader-Lösung. Aktivierung: Einstellungen, Bedienungshilfen, TalkBack.

Grundlegende TalkBack-Gesten:

  • Ein Finger wischen: Nächstes/vorheriges Element
  • Doppeltippen: Element aktivieren
  • Zwei Finger wischen: Seite scrollen

Android-Entwickler sollten zusätzlich den Google Accessibility Scanner nutzen, der kostenlos und ohne technische Kenntnisse Verbesserungsvorschläge liefert.

Kostenlose Tools für Mobile Accessibility Tests

iOS-Entwicklungstools:

  • Accessibility Inspector (Xcode): In Xcode eingebaut, zeigt Accessibility-Eigenschaften, Labels und Hierarchie direkt an
  • Simulator mit VoiceOver: iOS-Simulator in Xcode simuliert VoiceOver-Navigation

Android-Entwicklungstools:

  • Google Accessibility Scanner: Kostenlose App, die Vorschläge direkt auf dem Gerät anzeigt
  • Accessibility Insights for Android: Open-Source von Microsoft, prüft WCAG-Kriterien
  • axe für Android: Automatisierte WCAG-Prüfung für Android-Apps

Plattformübergreifend:

  • BrowserStack: Cloud-basierter Test auf 3.500+ echten Geräten, inkl. Screenreader-Testing
  • Axe DevTools for Mobile: Prüft native iOS- und Android-Apps

Checkliste: Mobile Barrierefreiheit

Mobile Accessibility Checkliste

  • Alle interaktiven Elemente sind mindestens 44 × 44 Pixel groß
  • App funktioniert in Hoch- und Querformat
  • Alle Bilder haben zugängliche Beschreibungen (Alt-Text / contentDescription)
  • VoiceOver (iOS) und TalkBack (Android) können alle Funktionen bedienen
  • Keine Mehrfinger-Gesten ohne Single-Tap-Alternative
  • Farbkontrast mindestens 4,5:1 für normalen Text
  • Videos haben Untertitel (Captions)
  • Formularfelder haben programmatisch verknüpfte Labels
  • Fehlermeldungen sind für Screenreader lesbar
  • Konformitätserklärung ist vorhanden und zugänglich

Häufig gestellte Fragen

FAQHäufig gestellte Fragen

Gilt das BFSG auch für native Apps?

Ja. Das BFSG verpflichtet zur Barrierefreiheit aller digitalen Dienste an Verbraucher, einschließlich nativer iOS- und Android-Apps.

Was ist bei Cross-Platform-Frameworks wie React Native oder Flutter?

Sie sind als Anbieter der App für deren Barrierefreiheit verantwortlich, unabhängig vom Framework. Beide haben Accessibility-APIs, die korrekt implementiert werden müssen.

Wie teste ich, ob meine App mit VoiceOver/TalkBack funktioniert?

Aktivieren Sie VoiceOver auf einem iPhone oder TalkBack auf Android und versuchen Sie, alle Kernfunktionen nur mit diesem Screenreader zu nutzen. Was unklar oder unerreichbar ist, ist eine Barriere.

Weiterführende Artikel:

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